Benchmark: KI-Richtlinien deutscher Medienhäuser
Einordnung: Research-Artefakt zu A-06 im Research-Log. Wertet die Quellenliste der Partner-Recherche „Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte (Art. 50 KI-VO)" (Stand 09.07.2026) systematisch aus. Baut auf
eu-ai-act.md(Recht),nordic-ai-journalism-utgivarna-2024.md(Branchenpraxis) und der Synthese auf. Prüft H1, H3, H4, H5 und H7.Der Rechts-Check der Partner-Recherche gehört nicht in dieses Dokument, weil er eine andere Adressatin hat. Er liegt als Impuls I-06 im Impuls-Log.
Datenbasis. Jede Aussage dieses Dokuments hängt an einer Datei:
plots/coding.json, der Rohkodierung mit 176 wörtlichen Belegzitaten über 25 Quellen und 9 Achsen. Die Kodierung trennt zwei Felder: Der Medienkorpus (22 Quellen, 149 Belegzitate) trägt jede Kennzahl dieses Dokuments, das Vergleichsfeld (3 Quellen, 27 Belegzitate) steht daneben und geht in keine Medien-Kennzahl ein (Abschnitt 8).Quellenarchiv. Die Volltexte aller 27 abgerufenen Quellen liegen als Snapshot vor, mit Provenienz je Quelle (URL, Abrufzeit, HTTP-Status, Methode und Wortzahl). Der Snapshot hält die Beweisbasis stabil: Würde bei jedem Lauf frisch abgerufen, verschöbe sich das Material unter der Analyse, und die Zitate wären nicht mehr reproduzierbar. Er trägt auch die Sonderfälle, nämlich Domains mit Abrufsperre, PDFs und lokal vorliegende Dateien.
1 Was ausgewertet wurde
Die Recherche des Hauses verlinkt 26 Quellen und nennt eine weitere im Fließtext (Axel Springer, Code of Conduct). Sieben kamen vom Fellow dazu: drei Medienquellen (SPIEGEL-Gruppe, NOZ, WEB.DE/GMX), die drei Quellen des Vergleichsfelds (Abschnitt 8) und VITraDes als Kontext (Abschnitt 9). Damit wurden 34 Quellen geprüft, jede einzeln abgerufen:
| Anzahl | ||
|---|---|---|
| Inhaltlich ausgewertet | 29 | Richtlinien, Kodizes, Impressum-Hinweise, Erklärbeiträge, Produktseiten |
| ⤷ davon wortgleiche Dubletten | −4 | vier Paare, je als ein Dokument gezählt (s. u.) |
| = kodierte Dokumente | 25 | 22 Medien (15 Regel, 3 Erklärung, 4 Praxis/Produkt) und 3 Vergleichsfeld |
| Kontext / Studien | 5 | Marktdaten, Branchen-Charta, Negativfall, Forschungsprojekt; keine Hausrichtlinien |
| Nicht erreichbar | 0 | alle 34 geprüften Quellen liegen im Volltext vor |
Jede Kennzahl dieses Dokuments rechnet über die 22 Medienquellen. Die drei Quellen des Vergleichsfelds sind keine Medienhäuser; sie stehen zum Kontrast daneben und gehen in keine Kennzahl ein (Abschnitt 8).
Der Markt ist kleiner als die Linkliste. Acht der ausgewerteten URLs bilden vier wortgleiche Paare, also dieselbe Konzernnorm, unter mehreren Marken ausgerollt:
| Paar | Konzern | Abweichung |
|---|---|---|
| ARD-Kodex ↔ „Gemeinsamer KI-Kodex" (ZDF) | ÖRR-Verbund | keine im Text; ARD führt ihn unter Rechtsgrundlagen, ZDF unter Organisation |
| 104.6 RTL ↔ 89.0 RTL | RTL | nur das Stand-Datum (16.03.2026 / keines) |
| S. Fischer ↔ Rowohlt | Holtzbrinck | drei Deltas: Stand, Gender-Zeichen, ein Wortpaar |
| BUNTE.de ↔ FOCUS online | Burda | ausschließlich der Markenname |
Bei Burda ist die Textgleichheit zeichengenau belegbar, einschließlich desselben Tippfehlers in beiden Marken („ElevenLab" statt ElevenLabs). Wer die 26 Links als 26 Häuser liest, überschätzt die Marktbreite um rund ein Fünftel.
2 Methode: das E/I/N-Raster
Jedes Dokument ist entlang von neun Achsen kodiert, je 0 bis 3. Der Schnitt geht nach
Wirkungsort, analog zur Unterscheidung von PESTEL (Umfeld, divergent) und SWOT (Standort,
konvergent) in 03a: Was verlangt das Umfeld (E), was
macht das Haus daraus (I), und was sagt die Norm über sich selbst (N)?
| Achse | Frage | Abdeckung (≥2) | |
|---|---|---|---|
| E1 | Kennzeichnung am Einzelstück | Auslöser und Ort am Produkt | 50 % (11/22) |
| E2 | Rechtsanschluss | benennt der Text die Norm, an der er sich misst? | 36 % (8/22) |
| E3 | Anbietergrenze | welches System darf herein, welche Daten nicht hinaus? | 55 % (12/22) |
| E4 | Zweck & Mehrwert | wofür KI, und woran gemessen? | 77 % (17/22) |
| I1 | Nachweisbarkeit der Kontrolle | wäre die Prüfung im Streitfall rekonstruierbar? | 68 % (15/22), davon 1× eine 3 |
| I2 | Befähigung | ist Schulung das Tor zum Einsatz oder ein Angebot daneben? | 18 % (4/22) |
| I3 | Belegschaft & Mitbestimmung | kommt die Belegschaft als Rechtssubjekt vor? | 14 % (3/22) |
| N1 | Bindung & Geltung | für wen gilt der Text, und wie verbindlich? | 87 % (13/15) |
| N2 | Pflege & Stand | Datum, und ein Mechanismus, der die Norm am Leben hält? | 33 % (5/15) |
Die Skalenstufen sind achsenspezifisch und stehen vollständig in
plots/coding.json. Generisch gilt:
| Score | Bedeutung |
|---|---|
| 0 | nicht adressiert |
| 1 | erwähnt oder vage Absichtserklärung |
| 2 | konkret geregelt (klare Aussage, aber ohne Verfahren) |
| 3 | operationalisiert (Verfahren, Zuständigkeit, Schwelle oder Beispiel genannt) |
Beispiel I1: Eine 3 verlangt „Verfahren mit Augenzahl oder rollenscharfe Freigabe, sodass die Prüfung eine Spur hinterlässt".
Vier Setzungen, die zum Nachvollzug der Zahlen nötig sind:
- Aggregation = Maximum. Der Score misst, wie weit ein Haus geht. Wie konsistent es das tut, misst er nicht. Das hat eine sichtbare Nebenwirkung: Auf N1 bleibt Stufe 1 unbesetzt (0 von 15), weil ein hartes Verbot irgendwo im Text jede Selbst-Herabsetzung überstimmt. Madsack bezeichnet sich ausdrücklich als „Empfehlung für alle Partner" und liegt trotzdem bei 2. Bei Modus-Aggregation fiele N1 anders aus; die Wahl ist eine Setzung.
- N1/N2 sind an der Norm definiert. Für die 7 nicht-normativen Dokumente des Medienkorpus
(3 Erklärung, 4 Praxis/Produkt) stehen sie auf
n.a., weshalb ihr Nenner 15 beträgt. Eine 0 wäre hier ein Messfehler, weil ein redaktioneller Beitrag niemanden bindet und dafür nicht bestraft werden darf. - Gattungen bleiben getrennt: Regel (15), Erklärung (3), Praxis/Produkt (4) werden nie unbesehen gegeneinander gerechnet.
- Die beiden Korpora bleiben getrennt. Jede Kennzahl rechnet über die 22 Medienquellen. Die drei Quellen des Vergleichsfelds stehen in der Heatmap und in Abschnitt 8, und sie gehen in keinen Mittelwert, keinen Anteil und kein Cluster des Medienfelds ein.
Was der Score misst: Regelungstiefe wie publiziert. Ob ein Haus sich an seine Norm hält, ist damit nicht erhoben. Wo ein Text zu einer Frage keine Aussage trifft, ist ebenso offen, ob das Haus sie intern regelt. Verbindlichkeit misst N1 separat.
3 Die Karte
Unter den sieben Achsen, die für alle 22 Medienquellen gelten, sind ab Stufe 2 Zweck (E4, 17 von 22) und Kontrolle durch Menschen (I1, 15 von 22) am häufigsten besetzt, Befähigung (I2, 4 von 22) und Belegschaft (I3, 3 von 22) am seltensten. Die beiden Norm-Achsen gelten nur für die 15 Regelwerke: Auf N1 erreichen 13 von 15 die Stufe 2, auf N2 5 von 15. Die Heatmap zeigt je Quelle, wie weit der veröffentlichte Text auf den neun Achsen geht. Eine niedrige Stufe heißt, dass der Text zu der Frage wenig oder nichts sagt oder sie ausdrücklich verneint (Abschnitt 11). Ob ein Haus die Frage intern regelt, zeigt die Heatmap nicht.
4 Vier Haltungen
Die Cluster entstehen entlang der regulatorischen Haltung. Die Konzerngrenzen, nach denen die Recherche gliedert (Bertelsmann, ÖRR, Burda), tragen die Gruppierung nicht: Die Haltung schneidet quer durch sie hindurch und macht die Häuser damit erst vergleichbar. Geclustert wird ausschließlich der Medienkorpus.
① Schwelle definiert (n=7: Madsack, ZDF-Kenntlichmachung, bpb, WELT, BERLIN LIVE, Morgenpost, NOZ). Sagt, wann gekennzeichnet wird. Ihre Schwellen sind untereinander nicht deckungsgleich (s. Abschnitt 6).
② Prinzip ohne Schwelle (n=8: KI-Kodex, ZDF-Grundsätze, FUNKE-Konzernleitlinie, Axel-Springer-CoC, RTL, Holtzbrinck, SPIEGEL, WEB.DE). Bekennt sich zu Verantwortung und Transparenz und nennt für die Kennzeichnung keine subsumierbare Schwelle. Der KI-Kodex sagt: „Wir kennzeichnen den Einsatz von generativer KI nach transparenten Regeln", und benennt diese Regeln im eigenen Text nicht. Die SPIEGEL-Grundsätze übernehmen Madsacks Auslöser wörtlich („maßgebliche Rolle"), lassen ihn aber ohne Definition und benennen weder Beispiel noch Ort am Produkt.
③ Minimalnorm / Delegation (n=3: RTL.de-Impressum, BUNTE/FOCUS, FUNKE Regionalmedien). Ein Absatz, oft ohne Datum, auf acht der neun Achsen im Schnitt unter dem Feldmittel. Unter dem Mittel in jeder Dimension liegt allein der RTL.de-Impressum-Hinweis. Über dem Feldmittel liegen Burda auf E2 und I1 sowie die FUNKE-Regionalmedien auf E2 und N1, und das folgt dem Muster aus Abschnitt 6: Abwehr ist präziser gefasst als Selbstregulierung. Burda nennt § 44b UrhG, um die eigenen Inhalte gegen fremdes Training zu verteidigen, FUNKE nennt den Pressekodex. Die FUNKE-Regionalmedien-Leitlinien sind der Extremfall mit einem Satz („Zum Umgang mit KI verweisen wir auf die jeweiligen KI-Leitlinien des Konzerns"), also 12 von 404 Wörtern, ohne Hyperlink, während elf andere Grundsätze ausformuliert sind.
④ Praxis- und Produkttext (n=4: ProSiebenSat.1, Ruhr Nachrichten, ZDF Deepfake Diaries, BILD „Hey_"). Zweck & Mehrwert liegen im Schnitt bei 3,0, die Kennzeichnung bei 0,5. Die Texte, die den produktiven KI-Einsatz am ausführlichsten beschreiben, liegen bei der Kennzeichnung am Einzelstück am niedrigsten aller Cluster: Zwei stehen auf E1 = 0, zwei auf E1 = 1. BILD „Hey_" und die Deepfake Diaries deklarieren den KI-Einsatz am Produkt selbst; eine Kennzeichnungsregel mit Auslöser nennt keiner der vier Texte.
5 Gemeinsamkeiten
„Der Mensch entscheidet" ist Konsens der Texte, und genau ein Text macht daraus ein Verfahren mit Augenzahl. Die Achse I1 zerlegt den Konsens in eine Staffel:
| 86 % (19/22) | sagen etwas zur menschlichen Kontrolle |
| 68 % (15/22) | nennen eine Rolle oder einen Verfahrensschritt |
| 5 % (1/22) | nennen ein Verfahren mit Augenzahl (Vier-Augen-Prinzip) |
| 0 % (0/22) | nennen im veröffentlichten Text eine Pflicht, die Prüfung zu dokumentieren |
Der Satz steht überall, fast im selben Wortlaut: „Die publizistische Verantwortung liegt beim Menschen, nicht bei dem System" (KI-Kodex), „Die verantwortliche redaktionelle Instanz ist und bleibt der Mensch, nicht Technologie" (Burda), „Der Mensch entscheidet" (FUNKE).
Genau ein Dokument von 22 knüpft die Prüfung an eine Augenzahl, und es ist der Regionalzeitungs-Konzern:
„Keine KI-Inhalte, unabhängig von Form und Umfang, werden ungeprüft veröffentlicht. Dabei gilt wie bei allen Inhalten das Vier-Augen-Prinzip." (Madsack/RND, Punkt 8)
Madsack hängt KI-Inhalte damit in eine bestehende redaktionelle Routine ein und verzichtet auf eine KI-Sonderregel. Für geprüfte KI-Inhalte gilt der Kennzeichnungsauslöser aus Punkt 5 („maßgebliche Rolle"). Für ungeprüfte KI-Inhalte nennt Punkt 8 einen eigenen Kennzeichnungsfall: „Ausnahmen (wie zum Beispiel aufbereitete Daten zur Verkehrslage, Feinstaubwerten oder Wetter) werden explizit gekennzeichnet."
Keine der 22 Quellen nennt im veröffentlichten Text eine Dokumentation der Prüfung. Der Madsack-Text wendet das Vier-Augen-Prinzip auf KI-Inhalte an und trifft keine Aussage dazu, ob die Prüfung festgehalten wird. Bei der Nachweisbarkeit liegt laut AI-Act-Dossier das reale Compliance-Risiko, weil „durchgewinkte" Inhalte die Redaktions-Ausnahme nicht tragen. Ob die Häuser ihre Prüfungen intern dokumentieren, ist mit der Textanalyse nicht erhoben.
Aussagen zur Governance stehen in wenigen Texten. Genau ein Dokument stellt die Richtlinie selbst unter
Wiedervorlage, wieder Madsack, mit Träger (Chefredaktion RND) und drei Kriterien: „anhand von
Nutzungsgrad, gesellschaftlicher Akzeptanz und technischem Entwicklungsstand". Der Turnus
bleibt unbestimmt („regelmäßig"). Drei Quellen benennen im veröffentlichten Text ein Gremium oder eine
Rolle für die KI-Governance: FUNKE ein KI-Ethik-Forum, BERLIN LIVE einen Head of AI,
Madsack KI-Beauftragte je Partnerredaktion, die namentlich bekanntgemacht werden. Als einziger
der drei Texte nennt der Madsack-Text dazu eine Kontaktadresse (KI@rnd.de). Sechs der 15 Regelwerke tragen kein Datum,
darunter die ZDF-KI-Grundsätze, auf die Kodex- und Kenntlichmachungsseite als Referenz
verweisen, und die SPIEGEL-Grundsätze.
Wer regelt, nennt keine Tools. Genau eines der 15 Regelwerke nennt ein Tool beim Namen, nämlich Burdas Impressum-Hinweis (ChatGPT, „ElevenLab"), und dieser beschreibt eher, als dass er regelt. Produktnamen tauchen sonst nur dort auf, wo berichtet wird: in BILDs Nutzungsbedingungen (GPT-4o/OpenAI), bei den Ruhr Nachrichten (KIRA über ChatGPT) und im WEB.DE-Erklärtext („Zudem experimentieren wir mit ChatGPT"). Madsack regelt statt der Namen die Zulassung: „Das RedaktionsNetzwerk Deutschland zertifiziert und empfiehlt Tools zentral." Eine Folge für nicht zertifizierte Tools nennt der Satz nicht. Die harte Datengrenze des Hauses ruht auf einer anderen Leitplanke, der Prüfung durch den Konzern-Datenschutzbeauftragten vor der Einführung. Die SPIEGEL-Gruppe setzt am selben Punkt an und hängt die Zulassung an die Lizenz: „Die Lizenzierung von KI-Software erfolgt zentral (derzeit in der IT) gesteuert, um Transparenz über den Einsatz zu ermöglichen." Vier Häuser benennen an der Anbietergrenze eine Instanz und erreichen damit E3 = 3: Madsack, die SPIEGEL-Gruppe, die ZDF-Grundsätze und die RTL-Leitlinien.
6 Unterschiede
Die Kennzeichnungsschwelle folgt fünf Logiken, die nicht deckungsgleich sind. Jede ist für sich vertretbar, und die Auslöser greifen in unterschiedliche Sachverhalte:
| Haus | Auslöser | Konsequenz |
|---|---|---|
| Madsack/RND | Rolle in der Arbeitsteilung, KI nimmt „die maßgebliche Rolle" ein | Als einziges Haus definiert es den eigenen unbestimmten Begriff, mit Positivfall („KI erstellt, Mensch kontrolliert nur noch") und Gegenbeispiel („nicht, wenn KI als Instrument der Recherche eingesetzt wurde") |
| ZDF | Realitätsanmutung, Inhalt „kann als Abbild der Realität verstanden werden" | Dreistufenmodell; in Stufe 3 ist die Kennzeichnung Bedingung des Einsatzes und keine Pflicht daneben |
| bpb | Erstellungsanteil, Inhalt „überwiegend" KI-erstellt | sichtbare Kennzeichnung am Publikationsort, mit prüfbarem Beispiel (Alt-Texte) |
| WELT | Verbot statt Kennzeichnung | KI-unterstützte Texte werden ausdrücklich nicht ausgewiesen; dafür dürfen Texte unter Namenszeile nie rein KI-generiert sein |
| NOZ | Gattung des Bildes, KI erstellt „Illustrationen oder Grafiken" | Kennzeichnung an einem benannten Ort: „kennzeichnen wir dies in der Bildunterschrift". Den Realitätsanmutungs-Fall löst das Haus mit einem Verbot: „Wir verwenden keine KI-generierten Bilder, die den fotorealistischen Anschein der Realität erwecken." Für Texte bleibt es bei einer Zusage ohne Auslöser: „Wir machen den generierenden Einsatz von KI gegenüber unseren Lesern transparent." |
Die NOZ verbindet zwei fremde Logiken und legt eine dritte daneben. Sie übernimmt den ZDF-Auslöser (Realitätsanmutung) und beantwortet ihn mit der WELT-Konsequenz (Verbot statt Kennzeichnung). Der Gattungs-Auslöser, der Illustrationen und Grafiken erfasst, hat im Feld kein zweites Vorkommen. Damit ist die Bildkennzeichnung des Hauses subsumierbar, während der Text-Fall auf dem Feldstandard bleibt, einer Zusage ohne Schwelle.
Madsack trifft den Gesetzestatbestand, ohne ihn zu nennen. Der Auslöser „KI erstellt, der Mensch kontrolliert nur noch" beschreibt exakt die Konstellation, bei der die Redaktions-Ausnahme des Art. 50(4) reißt („durchgewinkte" Inhalte, enge Auslegung der Kommissions-Leitlinien). Madsack kennzeichnet also genau dort, wo das Gesetz die Ausnahme versagt, und ist damit strukturell die gesetzesnächste der fünf Schwellen, obwohl Art. 50 im ganzen Papier nicht vorkommt. Der ZDF-Trigger reguliert dagegen die Wirkung beim Publikum und lässt die Produktionstechnik außen vor, weshalb er mit dem Toolmarkt nicht altert (stützt H3).
Keine der fünf benennt den Art.-50-Tatbestand. Art. 50(4) knüpft an Deepfake und Public-Interest-Text an, also weder an Rolle noch an Realitätsanmutung, Erstellungsanteil oder Namenszeile. Ein Haus kann jede dieser Schwellen sauber erfüllen und den gesetzlichen Tatbestand trotzdem verfehlen. Das ist der Kern von Impuls I-06.
Wen die Richtlinie schützt, geht auseinander. Die Buchverlage (Holtzbrinck) schützen Urheber:innen (Rechte, faire Entlohnung) und das Haus (kein Datenabfluss, juristische Vorabprüfung). Das Publikum kommt als Schutzobjekt im Text nicht vor. Zur Kennzeichnung enthält der Text ein Transparenz-Bekenntnis ohne Auslöser und Ort (E1 = 1): „Wir gehen transparent mit unserem Einsatz von KI um […]". Die Setzung „KI unterstützt uns, sie ersetzt uns Menschen nicht" beschreibt KI als Unterstützung; einen Kennzeichnungsfall leitet der Text daraus nicht ab.
Abwehr ist präziser gefasst als Selbstregulierung. Burda verbietet fremdes KI-Training an eigenen Inhalten paragraphengenau („Insbesondere behält sich die BurdaForward GmbH eine Nutzung ihrer Inhalte für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor") und beschreibt die eigene KI-Nutzung im selben Dokument in vier Sätzen, mit der Prüfung durch die Redaktion vor der Freigabe als Verfahrensschritt (I1 = 2), ohne Schwelle und ohne Datum. Der TDM-Vorbehalt steht dabei nicht einmal im ausgelieferten HTML, sondern wird aus einem zentralen Legal-CDN nachgeladen. Dieselbe Asymmetrie zeigt Axel Springer: KI steht im Code of Conduct unter „daten & it" und nicht unter „redaktion".
Die strengere Regel steht auf der niedrigeren Ebene. Bei FUNKE kennzeichnet die Marke gofeminin „alle Inhalte, die mithilfe von KI generiert wurden"; die Konzern-Leitlinie verlangt es erst, wenn KI „eine maßgebliche Rolle" spielt. Die Tochter ist strenger als die Mutter.
Ein Haus bedingt die Kontrolle ausdrücklich ab. BILDs Chatbot „Hey_" legt die KI-Interaktion offen und erfüllt damit Art. 50(1). Zugleich stellt er fest: „Die Antworten des Chatbots unterliegen keiner redaktionellen Kontrolle." Er greift dabei auf das BILD-Archiv zu und trägt die Marke.
7 Befähigung und Belegschaft: die schwächsten Achsen
Befähigung ist mit 18 % die zweitschwächste Achse: 4 von 22 Quellen nennen im veröffentlichten Text Schulung vor dem Einsatz (drei Quellen) oder ein benanntes Schulungsprogramm (eine Quelle). Die Achse I2 fragt, ob der Text Schulung als Tor zum Einsatz fasst. Ein Schulungsangebot allein ergibt die Stufe 1. Eine Instanz, die über den Schulungsbedarf entscheidet, nennt keine der 22 Quellen im veröffentlichten Text. Die KI-Kompetenzpflicht aus Art. 4 KI-VO gilt seit dem 02.02.2025, die Kennzeichnungspflicht aus Art. 50 ab dem 02.08.2026 (Dossier).
Mehrere Texte formulieren Schulung als Angebot: „erhalten Zugang zu Schulungsangeboten" (bpb), „ermöglicht", „ermutigt" (FUNKE-Konzern), „wir schulen und befähigen" (KI-Kodex). 8 der 22 Medienquellen treffen eine Aussage zur KI-Schulung, 4 davon allein als Angebot (KI-Kodex, bpb, RTL-Leitlinien, Holtzbrinck). Die übrigen 14 Texte enthalten keine Aussage zur KI-Schulung, darunter WELT, der Axel-Springer-CoC, die ZDF-KI-Grundsätze, Burda, die SPIEGEL-Grundsätze, die NOZ-Leitlinien und der WEB.DE-Erklärtext. In den drei zuletzt genannten Texten fällt über zusammen mehr als 3.500 Wörter kein Schulungs-, Aus- oder Weiterbildungswort.
Schulung vor dem Einsatz nennen drei Quellen, jede auf eigene Weise. Keines der 15 Regelwerke formuliert Schulung als unbedingte Vorbedingung; das einzige unbedingte Zugangstor steht in einem Interview:
| Haus | Formulierung | Grenze |
|---|---|---|
| gofeminin | „Unsere Redaktion wurde vor dem Einsatz von KI sorgfältig geschult." | unbedingt, aber als Tatsachenbericht formuliert und nicht als Regel |
| Madsack | „Bevor KI-basierte Tools Einzug in redaktionelle Prozesse finden, werden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, sofern notwendig, im Umgang mit KI sowie den Tools selbst geschult – der MADSACK Mediencampus bietet entsprechende Angebote an." | Vorbedingung mit Träger; der Zusatz „sofern notwendig" macht sie zur Ermessensfrage, und der Text nennt keine Instanz, die darüber entscheidet |
| Ruhr Nachrichten | „Eine Ganztagsschulung ist der Einstieg." | Zugangstor mit Format, aber als Praxisbericht und nicht als Norm |
Die schwächste Achse überhaupt ist die Belegschaft (I3) mit 14 %. Drei Dokumente adressieren sie als Rechtssubjekt. Madsack nennt die Mitbestimmungsrechte nach BetrVG, der Axel-Springer-CoC bindet den KI-Einsatz an die gesetzlichen Beteiligungsrechte der Arbeitnehmervertretungen, und die FUNKE-Konzernleitlinie nennt als einziger Text ein besetztes, paritätisches und erreichbares Gremium. Die bpb reflektiert die Arbeitsplatzfolgen ihrer Lieferkette (externe Lektoren, Grafiker, Übersetzer); zur eigenen Mitbestimmung trifft ihr Text keine Aussage.
Das eigentliche Thema der Recherche, die Kennzeichnung am Einzelstück, liegt bei 50 % (E1). Die Texte sagen fast durchgängig, dass ein Mensch prüft (19 von 22), und 11 von 22 nennen einen Auslöser dafür, wann gekennzeichnet wird. Der Impressum-Hinweis ist eine Offenlegung auf Hausebene: „Wir nutzen KI und die Redaktion prüft" ist eine Aussage über Kontrolle. Eine Aussage über Transparenz am Einzelstück enthält er nicht. Ob die Häuser einzelne Artikel kennzeichnen, geht aus dem Impressum-Text nicht hervor.
Den Einzelfall dazu liefern die Ruhr Nachrichten. Das Haus normiert seine Produktion bis zur Zielvorgabe: zwölf KI-Reporter, jeder „mindestens sechs Geschichten" pro Tag, 42 am Interviewtag („kein guter Tag"), Templates, eine Quellenregel („Wir bleiben jederzeit Herr über die Quellen") und eine Ganztagsschulung als Zugangstor. Die Wörter Kennzeichnung, Transparenz und Publikum kommen in den 691 Wörtern des Interviews nicht vor. Die Prüfung liegt zudem bei der Person, die den Output erzeugt: „Der KI-Reporter ist dafür verantwortlich, dass am Ende alle Inhalte […] stimmen." Eine zweite prüfende Instanz nennt das Interview nicht, und die Zielvorgabe von mindestens sechs Geschichten pro Tag gilt für dieselbe Person.
Auffindbarkeit ist ein eigenes Problem, und das Fazit der Recherche trifft zu. Die verbindliche FUNKE-Konzernleitlinie wurde bei der Erhebung öffentlich nur über die Lifestyle-Marke gofeminin gefunden, weder über funkemedien.de noch über einen Regionaltitel. Bei der Berliner Morgenpost führt der Footer-Link „KI bei FUNKE" auf einen redaktionellen Artikel; eine Leitlinienseite auf Titelebene wurde bei der Erhebung nicht gefunden.
Die Gattung schlägt die Regelungstiefe. Auf E4 stehen 7 von 7 Nicht-Normen auf 3 (100 %), aber nur 6 von 15 Regelwerken (40 %). Erzähltexte zählen Anwendungsfälle auf, Normen setzen Regeln. BERLIN LIVE, ein redaktioneller Beitrag, liegt bei 16 von 21 und bindet dabei niemanden (N1 = n.a.). An der Spitze des Felds steht mit 24 von 27 ein Regelwerk, die Madsack-Leitlinie, vor der bpb (19) und der FUNKE-Konzernleitlinie (18). Im Mittelfeld liegen der Axel-Springer-CoC, die RTL-Leitlinien und die NOZ mit je 14 von 27 sowie die SPIEGEL-Grundsätze mit 13 von 27; der WEB.DE-Erklärtext erreicht 9 von 21. Am unteren Ende stehen die FUNKE-Regionalmedien-Leitlinie mit 4 von 27 und der RTL.de-Impressum-Hinweis mit 3 von 27.
8 Das Vergleichsfeld
Drei kodierte Quellen sind keine Medienhäuser. Sie regeln den KI-Einsatz in anderen Kontexten: ein Förderzentrum, eine Hochschul-PR und ein IT-Dienstleister. Sie stehen zum Kontrast im Datensatz und gehen in keine Kennzahl des Medienfelds ein, weder in einen Mittelwert noch in einen Anteil noch in ein Cluster.
| Quelle | Träger | Gegenstand | Stand | Summe |
|---|---|---|---|---|
| Bundesverband Hochschulkommunikation (IQ_HKOM) | Verband der Hochschul-PR | „Publizistische Leitlinien" für Hochschulredaktionen | 03/2026 | 22/27 |
| ML Gruppe | IT- und Weiterbildungshaus | „KI-Richtlinie für Externe" (Vorgabe an Dienstleister) | 25.11.2025 | 22/27 |
| Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur | BMWK-Förderzentrum | KI-Richtlinie für generative KI in der Kommunikation | 26.08.2025 | 18/27 |
Der größte Kontrast liegt beim Rechtsanschluss (E2). Alle drei nennen die KI-VO namentlich, zwei davon Artikel 50: Die Hochschulkommunikation koppelt ihre Kennzeichnungsregel an „Artikel 50 Absatz 4 der europäischen Verordnung über künstliche Intelligenz (KI-VO)", die ML Gruppe prüft die Rolle „im Sinne der KI-VO". Im Medienfeld nennen 8 von 22 Quellen im veröffentlichten Text eine Norm namentlich, 2 davon die KI-VO (bpb, BERLIN LIVE). Die Hochschulkommunikation koppelt ihre Kennzeichnungsregel an Artikel 50 und verbindet so E1 und E2. Diese Kopplung nennt keine der 22 Medienquellen im veröffentlichten Text; die ZDF-Kenntlichmachung steht mit E1 = 3 auf E2 = 0.
Der zweite Kontrast liegt bei der Befähigung (I2). Zwei der drei liegen auf Stufe 2: Die Hochschulkommunikation macht Schulung zur Führungsaufgabe („Führungspersonen sollen dafür Sorge tragen, dass ihre Mitarbeitenden geschult werden"), die ML Gruppe bindet den Einsatz an nachweisbare Sachkenntnis („Setzen Sie KI-Systeme nur dann ein, wenn Sie und das von Ihnen eingesetzte Personal […] über die erforderliche Sachkenntnis verfügen"). Im Medienkorpus erreichen 4 von 22 Quellen mindestens Stufe 2 (Abschnitt 7).
Eine Flag fällt, außerhalb der Medien. Die ML Gruppe verlangt „Die Prüfung muss protokolliert werden" und ist damit der einzige Text im ganzen Datensatz mit einer Pflicht, eine Prüfung zu dokumentieren (I1 = 3). Die Einschränkung gehört dazu: Die Protokollpflicht hängt an der Rechtmäßigkeitsprüfung vor der Verarbeitung personenbezogener Daten, nicht an der Kontrolle des KI-Ergebnisses selbst. Im Medienfeld nennt keine der 22 Quellen im veröffentlichten Text eine Dokumentation der Prüfung.
In der Rangfolge liegen zwei über allen Medienhäusern außer Madsack. Hochschulkommunikation und ML Gruppe erreichen je 22 von 27. Über ihnen steht allein die Madsack-Leitlinie mit 24/27. Diese Summen sind nicht Teil der Medien-Rangfolge aus Abschnitt 7.
Die Deutung. Die Texte der ML Gruppe und der Hochschulkommunikation fassen KI-Einsatz als Compliance-Aufgabe: Sie benennen die Norm und binden Kompetenz an eine Berechtigung. Die ML Gruppe verankert die KI-Kompetenz aus Art. 4 KI-VO als Zugangsvoraussetzung für den Dienstleister, die Hochschulkommunikation macht die Schulung zur Führungspflicht, und beide nennen Artikel 50 als Kennzeichnungsgrund. Im Medienfeld nennen 2 von 22 Quellen im veröffentlichten Text die KI-VO namentlich, keine koppelt ihre Kennzeichnungsregel an Artikel 50, und 4 von 22 nennen Schulung vor dem Einsatz (drei Quellen) oder ein benanntes Schulungsprogramm (eine Quelle).
9 Quellenkritik
Zwei Quellen der Recherche tragen nicht wie angenommen. Beides sind Sachverhalte und keine Vorwürfe:
- ProSiebenSat.1: Der Screenshot zeigt den Hinweis „Achtung! Diese Pressemitteilung - inklusive Überschrift und Zitat - wurde von einer KI-Software geschrieben." Der Hinweis ist echt und am Volltext verifiziert, steht aber in einer anderen Pressemitteilung (JENKE.REPORT, 07.12.2023, presseportal.de/pm/25171/5666722) als in der verlinkten Tech-Story von 03/2023. Die Zitatstelle ist zu korrigieren, der Befund bleibt.
- Axel Springer CoC: Die Annahme „KI wird nur kurz erwähnt" hält nicht. Der CoC hat einen eigenen, im Inhaltsverzeichnis gelisteten Abschnitt, der mit 182 Wörtern fast genauso lang ist wie die komplette WELT-Richtlinie (173 Wörter).
Die Zahlenbasis der Kontext-Quellen trägt nur einfach. Statista und „Verlage der Zukunft" geben dieselbe Studie wieder, einmal primär und einmal sekundär (MVFP × nxt statista, n ≈ 100, Erhebungszeitraum nicht ausgewiesen). Zwei Belege ergibt das nicht. Die Sekundärquelle widerspricht sich zudem selbst (62 % + 39 % = 101 %) und ist nicht zitierfähig. Keine Kontext-Quelle berichtet eine Zahl dazu, wie viele Häuser überhaupt eine KI-Richtlinie haben. Die Kontext-Quellen quantifizieren die Verbreitung des KI-Einsatzes.
Zusätzlich aufgenommen: VITraDes (Projektmeldung). Ein BMFTR-Verbund aus IZEW Tübingen, TU Dortmund/Journalistik und Universität Bayreuth, 1,08 Mio. €, FKZ 16KIS2471K, Laufzeit 16.03.2026 bis 31.03.2029. Arbeitspaket 1 sammelt und bewertet exakt dasselbe Korpus wie dieser Benchmark, die Bayreuther Rechtsschiene adressiert die Art.-50-Lücke. Assoziiert ist unter anderem Studio 47, ein Lokalsender und damit ein regionaler Praxispartner.
Status: Merkposten, kein Beleg. Stand 15.07.2026 liegen keine Ergebnisse und keine Publikationen vor. Das Projekt prüft H1 nicht, es setzt sie voraus: Kennzeichnung soll erfolgen, „um das Vertrauen in Medien zu erhalten", was eine Projektbegründung ist und keine Forschungsfrage. Befragt werden Stakeholder und Journalist:innen; ein Publikumsdesign ist nirgends angegeben. Wert hat die Quelle doppelt: als unabhängige Bestätigung der Diagnose auf Bundesebene, weil ein Millionenverbund startet, weil klare Standards fehlen, und als Kontaktchance, bevor doppelt erhoben wird. Ein Kontakt ist nirgends veröffentlicht; der nächste Schritt wäre eine direkte Ansprache am IJ Dortmund. VITraDes liefert bis 2029, das [Medienhaus] entscheidet jetzt.
10 Implikation für die Hypothesen
H3 (prinzipienbasiert): gestützt und präzisiert. Der Benchmark zeigt beide Ränder. Die Texte in Cluster ② formulieren ein Prinzip ohne subsumierbare Schwelle, an der sich der Einzelfall entscheiden ließe. Die Texte in Cluster ④ beschreiben konkrete Anwendungsfälle (E4 im Schnitt 3,0) und liegen bei der Kennzeichnung am Einzelstück (E1) im Schnitt bei 0,5. Tragfähig ist der ZDF-Weg, also ein Prinzip mit wirkungsbezogenem Auslöser, plus Madsacks Ergänzung eines Pflegezyklus. Ohne Revision bleibt „prinzipienbasiert" eine Hoffnung; der Madsack-Text ist im Medienkorpus der einzige, der die eigene Richtlinie an den technischen Entwicklungsstand koppelt. Das ist die operative Antwort auf den rötesten PESTEL-Faktor, die kurze Halbwertszeit des besten Modells.
H1 (Kennzeichnung → Vertrauen): differenziert, weiterhin ungetestet. 11 von 22 Quellen nennen einen Auslöser für die Kennzeichnung, und mehrere nennen ausdrücklich Fälle, in denen nicht gekennzeichnet wird (darunter WELT, Madsack und bpb). H1 trägt nur als differenzierte, schwellengebundene Kennzeichnung. Die fünf realen Schwellen-Logiken sind gegeneinander testbar: Welche versteht das Publikum? Das bleibt Aufgabe von P-01/P-03, und VITraDes nimmt sie einem nicht ab.
H4 (menschliche Verifikation): geschärft. Im Tagesspiegel-Fall (Juni 2026) erzeugte laut Deutschlandfunk ein Autor, früher Herausgeber und zuletzt Editor-at-Large, mehrere Meinungsbeiträge mit KI, ohne das kenntlich zu machen; bis auf Weiteres darf er nicht mehr im Tagesspiegel publizieren. Der Chefredakteur sagt laut Bericht, die Verwendung von KI müsse immer kenntlich gemacht werden. Eine schriftliche Regel des Hauses nennt der Bericht nicht. Auf der Textebene zeigt der Benchmark dazu: 86 % der Medienquellen sagen etwas zur Kontrolle, keine der 22 nennt im veröffentlichten Text eine Dokumentation der Prüfung, und auch der Madsack-Text trifft zum Vier-Augen-Prinzip keine Aussage über einen Nachweis. H4 ist zu schärfen: Der Hebel liegt bei der Dokumentierbarkeit der menschlichen Verifikation. Ihre bloße Vorschrift genügt nicht.
H5 (Betriebsrat als Beschleuniger): der Benchmark kann sie nicht entscheiden. Drei von 15
Regelwerken nennen im veröffentlichten Text ein Beteiligungsrecht oder ein Gremium, zwei davon als
Rechtswahrungszusage ohne Verfahren: Madsack nennt als einziges die Rechtsgrundlage („gesetzliche Informations- und
Mitbestimmungsrechte entsprechend BetrVG jederzeit gewahrt"), Axel Springer sichert
„Beteiligungsrechte der Arbeitnehmervertretungen" zu. Nur der FUNKE-Text nennt ein Verfahren, nämlich
ein paritätisch besetztes KI-Ethik-Forum (Arbeitgeber, Arbeitnehmende, unabhängige
Experten), das periodisch tagt und Anlaufstelle für alle ist. Der Befund taugt nicht als Beleg
für „Beschleuniger": Zwei der drei Texte mit Beteiligungsrecht oder Gremium (FUNKE, Madsack)
nennen zugleich ein Gremium oder eine Rolle für die KI-Governance. Das ist eine Korrelation bei n=3 ohne Kausalnachweis. Status
bleibt in Prüfung.
H7 (Einzahlung auf Wertekompass): drei übertragbare Muster. Der KI-Kodex misst jeden Einsatz am Auftrag („nicht zum Selbstzweck"), die bpb kehrt die Beweislast um (Einsatz nur, „wenn sich dadurch nachweislich etwas verbessert"), gofeminin formuliert es als Vorbehalt. Alle drei sind fertige Formulierungen für die Kopplung von KI und Wertekompass.
11 Was daraus für die eigene Richtlinie folgt
Vier Stellen, an denen eine Richtlinie heute über den Stand aller 22 untersuchten Medien-Dokumente hinausgehen kann:
- Kompetenz vor Kennzeichnung. Art. 4 gilt seit 02.02.2025, Art. 50 erst ab 02.08.2026. Im Medienfeld nennen 4 von 22 Quellen (18 %) im veröffentlichten Text Schulung vor dem Einsatz (drei Quellen) oder ein benanntes Schulungsprogramm (eine Quelle). Keines der 15 Regelwerke formuliert Schulung als unbedingte Vorbedingung; der Madsack-Text enthält den Zusatz „sofern notwendig". Eine unbedingte, dokumentierte Schulung als Vorbedingung geht über den Wortlaut aller 22 Medien-Dokumente hinaus. Die Muster lassen sich kombinieren: gofeminins Unbedingtheit, Madsacks Träger (Mediencampus) und Ruhrs Format (Ganztagsschulung als Zugangstor). Im Vergleichsfeld zeigen die ML Gruppe und die Hochschulkommunikation, wie eine Berechtigung an nachweisbare Kompetenz gebunden wird (Abschnitt 8). Das zahlt direkt auf die Kompetenzschulung-Didaktik ein.
- Kontrolle nachweisbar machen. 86 % der Medienquellen sagen im veröffentlichten Text etwas zur Kontrolle, keine der 22 nennt eine Dokumentation der Prüfung. Madsacks Vier-Augen-Prinzip ist der am weitesten ausgearbeitete Ansatz im Feld (I1 = 3); eine Dokumentationspflicht nennt der Text nicht. Ein Feld im CMS schlägt einen Absatz in der Richtlinie.
- Eine Schwelle: Madsacks Auslöser, ZDFs Wirkungslogik, Art. 50 als Backstop. Madsack trifft den Gesetzestatbestand strukturell („KI erstellt, Mensch kontrolliert nur noch" ist genau die Konstellation, in der die Ausnahme reißt), ZDF altert nicht mit dem Toolmarkt. Beides ist kombinierbar, und beides braucht die Auslöser-Liste aus Art. 50, weil keine der fünf realen Schwellen Deepfake und Public-Interest-Text zuverlässig trifft.
- Pflege und Auffindbarkeit sind Teil der Richtlinie. 6 von 15 Regelwerken sind undatiert, eines stellt sich selbst unter Wiedervorlage. Die FUNKE-Konzernleitlinie wurde bei der Erhebung öffentlich nur über eine Lifestyle-Marke gefunden (Abschnitt 7). Die Erklärung ans Publikum ist zudem eine eigene Gattung neben der Regel, und BERLIN LIVE zeigt, dass sie mehr leistet. Beides ist zu planen.
Was der Benchmark nicht misst. Drei Flags stehen im gesamten Medienkorpus auf 0 von 22: Keine der 22 Quellen trifft im veröffentlichten Text eine Aussage zu einer maschinenlesbaren Markierung als Anforderung an den Anbieter (Art. 50(2)), zur Anbieter-Kontinuität (H6) oder zur Dokumentation der Prüfung. Die Nullen beruhen auf geprüften Verwerfungen: Auch bei den sieben Texten mit E1 = 3, darunter ZDF-Kenntlichmachung, bpb und Madsack, steht die Flag auf 0. In den veröffentlichten Texten des Medienfelds erscheint Kennzeichnung als Sichtbarkeit für Menschen; ein Maschinen-Signal nennt keiner von ihnen. Ob die Häuser diese Punkte intern regeln, ist mit der Textanalyse nicht erhoben. Im Vergleichsfeld fällt eine dieser Nullen: Die ML Gruppe verlangt die Protokollierung der Prüfung, allerdings gebunden an die Rechtmäßigkeitsprüfung vor der Datenverarbeitung (Abschnitt 8).
Ebenfalls außerhalb der Messung bleibt die Ungleichheit der Nullen: Das Raster trennt „sagt nichts" nicht von „sagt ausdrücklich nein". BILDs „unterliegt keiner redaktionellen Kontrolle" steht auf derselben 0 wie ein Schweigen.
Quellen
Ausgewertet (Rohkodierung mit 176 Belegzitaten: plots/coding.json)
ÖRR: Gemeinsamer KI-Kodex (ARD), ders. (ZDF), ZDF Kenntlichmachung, ZDF KI-Grundsätze, ZDF Deepfake Diaries
Regionalverlage: Madsack/RND (automatisierte Abrufe gesperrt), FUNKE Regionalmedien, FUNKE-Konzernleitlinie via gofeminin, BERLIN LIVE, Berliner Morgenpost, Ruhr Nachrichten / Donaukurier (Text nicht im HTML)
Axel Springer: WELT-Richtlinien, BILD „Hey_", Code of Conduct (PDF)
RTL: RTL.de Impressum, 104.6 RTL, 89.0 RTL
Weitere: SPIEGEL-Gruppe, NOZ, WEB.DE / GMX, Burda/BUNTE.de, Burda/FOCUS online, S. Fischer, Rowohlt, bpb, ProSiebenSat.1
Vergleichsfeld (keine Medienhäuser, gehen in keine Kennzahl ein, s. Abschnitt 8): Bundesverband Hochschulkommunikation (IQ_HKOM, PDF), ML Gruppe, Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur
Kontext: VITraDes / TU Dortmund (BMFTR, 2026 bis 2029), MVFP × nxt statista (n ≈ 100), Verlage der Zukunft (nicht zitierfähig), DLF: KI-Fall Tagesspiegel (16.06.2026), DW: Paris-Charta / Reporter ohne Grenzen (10.11.2023)
Die Paris-Charta verlangt in Grundregel 3, Redaktionen müssten „klar definieren, mit welchen Zielen, in welchem Umfang und unter welchen Bedingungen sie KI einsetzen". Sie beauftragt die Hausrichtlinie, statt sie zu ersetzen.