EU AI Act: Kennzeichnungs- & Transparenzpflichten (Stand 02.07.2026)
Einordnung: Research-Artefakt zu A-02 im Research-Log. Speist H1 (Kennzeichnung → Vertrauen) und H3 (prinzipienbasiert). Regulatorischer Stand gegen Primärquellen verifiziert (EUR-Lex / AI Act Service Desk der Kommission) und adversarial gegengeprüft. Die Synthese mit der Branchenpraxis liegt in
fellowship-synthese-kennzeichnung.md.⚠️ Vor dem Sparring gegenlesen: exaktes OJ-Datum des Digital Omnibus; ob C2PA im finalen Code-of-Practice-Text namentlich als Beispiel steht (beides unten als Restunsicherheit markiert). Die Regulatorik bewegt sich. Datumsangaben am EUR-Lex-Volltext prüfen.
1. EU AI Act, kompakt
Der EU AI Act ist die Verordnung (EU) 2024/1689, eine EU-Verordnung, die unmittelbar und einheitlich in allen Mitgliedstaaten gilt (Schlussformel der VO bzw. Art. 288 Abs. 2 AEUV; nicht Art. 113, wie häufig falsch zitiert). Kein nationaler Umsetzungsakt nötig; nationale Gesetze ergänzen nur Behörden und Durchführung. Veröffentlicht im Amtsblatt am 12.07.2024, in Kraft seit 01.08.2024; die Geltung ist über Art. 113 gestaffelt.
Risikobasierter Ansatz in vier Stufen:
- Verbotene Praktiken (Art. 5): z. B. Social Scoring, Emotionserkennung am Arbeitsplatz.
- Hochrisiko-Systeme (Art. 6 + Anhänge I/III): z. B. Recruiting, Kreditscoring, Biometrik.
- Begrenztes Risiko = Transparenzpflichten (Art. 50): die für Redaktionen zentrale Stufe.
- Minimales Risiko: keine Pflichten.
Geltungsstand zum 02.07.2026:
| Regelungen | |
|---|---|
| Bereits anwendbar | Verbote (Art. 5) + KI-Kompetenzpflicht (Art. 4) seit 02.02.2025; GPAI-Pflichten (Kap. V), Governance (Kap. VII, u. a. AI Office), Sanktionsrahmen (Kap. XII) außer Art. 101 seit 02.08.2025 |
| Noch nicht | Art.-50-Transparenzpflichten (ab 02.08.2026); Hochrisiko-Pflichten; GPAI-Bußgelder (Art. 101, ab 02.08.2026) |
Bußgelder (Art. 99): bis 35 Mio. € / 7 % Weltjahresumsatz (Art.-5-Verstöße), bis 15 Mio. / 3 % (sonstige Pflichten), bis 7,5 Mio. / 1 % (falsche Angaben), jeweils der höhere Wert, bei KMU/Start-ups der niedrigere.
Digital Omnibus on AI (Vereinfachungspaket)
Stand 02.07.2026: beschlossen, aber noch nicht im Amtsblatt. Bis zur OJ-Veröffentlichung bleibt die ursprüngliche AI-Act-Timeline die rechtliche Grundlage; exaktes OJ-Datum unsicher, vor 02.08.2026 erwartet.
Vorschlag COM(2025) 836 (19.11.2025) → politische Einigung 07.05.2026 → EP-Zustimmung 16.06.2026 → endgültige Ratsannahme 29.06.2026. Relevante Änderungen:
- Hochrisiko-Fristen auf feste Kalenderdaten: Anhang-III-Standalone-Systeme 02.12.2027, Anhang-I-eingebettete Produkte 02.08.2028. Zuordnung wichtig: Der Kommissionsvorschlag enthielt einen an die Normenverfügbarkeit gekoppelten „standards-availability trigger"; die festen Daten sind erst im Trilog (Einigung 07.05.2026) an dessen Stelle getreten, also Ergebnis von Parlament/Rat, nicht des Kommissionsvorschlags.
- Art.-50-Transparenz bleibt beim 02.08.2026. Neu: eine 4-Monats-Schonfrist (bis 02.12.2026) für die maschinenlesbare Markierung (Art. 50(2)) generativer Systeme, die vor dem 02.08.2026 in Verkehr gebracht wurden. („6 → 3 Monate" waren nur Verhandlungspositionen: Kommission 6, Parlament 3; der Kompromiss liegt bei 4 Monaten.)
- Neues Verbot für KI zur Erzeugung nicht-einvernehmlicher intimer Inhalte („Nudifier") und CSAM (ergänzt Art. 5).
- Nationale Sandbox-Frist auf 02.08.2027 verschoben; KMU-Erleichterungen auf Small Mid-Caps ausgeweitet; erweiterte Befugnisse des AI Office.
2. Was der AI Act für Redaktionen verlangt (Art. 50)
Art. 50 bündelt die Transparenzpflichten und ist die für ein [Medienhaus] praktisch relevanteste Norm (Geltung ab 02.08.2026):
- Art. 50(1), KI-Interaktion offenlegen: Nutzer:innen müssen erkennen, dass sie mit einem KI-System interagieren (Chatbots).
- Art. 50(2), synthetische Inhalte maschinenlesbar markieren: Anbieter generativer Systeme (ausdrücklich inkl. GPAI-Systeme) müssen KI-erzeugte/ -manipulierte Audio-, Bild-, Video- und Textinhalte maschinenlesbar markieren und als künstlich detektierbar machen. Zulässige Techniken laut Recital 133: Wasserzeichen, Metadaten-Kennungen, kryptografische Provenance-/Authentizitätsmethoden, Logging, Fingerprints: „so zuverlässig, interoperabel, wirksam und robust wie technisch machbar". Der AI Act ist technologieneutral; C2PA / Content Credentials ist ein Beispiel (im Code of Practice), keine gesetzliche Vorgabe.
- Art. 50(4), Deepfakes & Public-Interest-Texte: Betreiber müssen Deepfakes offenlegen und KI-erzeugte Texte, die die Öffentlichkeit über Angelegenheiten öffentlichen Interesses informieren, kennzeichnen.
Die redaktionelle Ausnahme (zentral)
Für Deepfakes und Public-Interest-Texte entfällt die Offenlegungspflicht, wenn der Inhalt einer menschlichen redaktionellen Kontrolle unterliegt und eine natürliche/juristische Person die redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung trägt.
Fundstelle korrigiert: Recital 134 + Art. 50(4), nicht Recital 137. (Recital 137 sagt lediglich: „Transparenz ≠ Rechtmäßigkeit", without prejudice zu anderen Transparenzpflichten.) Die Ausnahme trägt nur bei echter Prüfung: „durchgewinkte" KI-Inhalte ohne substanzielle redaktionelle Kontrolle fallen nicht darunter (enge Auslegung laut Kommissions-Leitlinien-Entwurf). Hier liegt das reale Compliance-Risiko, nicht in der Kennzeichnungsformulierung.
Rollen: Anbieter vs. Betreiber
Eine Redaktion ist in aller Regel Betreiber/Deployer (Art. 3(4)), nicht Anbieter: sie nutzt ein KI-System unter eigener Verantwortung. Zum Anbieter wird sie nur, wenn sie ein System unter eigenem Namen/eigener Marke in Verkehr bringt oder wesentlich verändert (Art. 25). Konsequenz:
- Die Markierungspflicht (Art. 50(2)) und die GPAI-Modellpflichten treffen die Toolhersteller, nicht die Redaktion.
- GPAI (Kap. V): Art. 53 verpflichtet alle GPAI-Anbieter zu technischer Dokumentation, Downstream-Infos, Copyright-Policy und Trainingsdaten-Zusammenfassung; Art. 55 ergänzt für Modelle mit systemischem Risiko (Vermutung ab Training > 10²⁵ FLOP) Evaluierung, Risikominderung, Vorfallmeldung, Cybersicherheit. Weder Art. 53 noch Art. 55 verlangen die Markierung synthetischer Ausgaben: die sitzt in Art. 50(2). GPAI-Pflichten gelten seit 02.08.2025.
- Die Redaktion trägt die Offenlegungspflichten des Betreibers (Art. 50(4)) und profitiert von der redaktionellen Ausnahme.
Code of Practice on Transparency of AI-generated Content
Von der Kommission (über das AI Office) am 10.06.2026 veröffentlicht; deckt Art. 50(2), (4), (5) ab (Markierung/Detektion für Anbieter, Kennzeichnung für Betreiber, Modalität „klar und unterscheidbar, spätestens bei erster Interaktion/ Exposition"). Freiwillig; unterzeichenbar von Anbietern und Betreibern. Stellt u. a. ein Icon-Set für die Betreiber-Kennzeichnung bereit. Die zugrundeliegenden Art.-50-Pflichten sind dagegen rechtsverbindlich (ab 02.08.2026).
Verhältnis zur EMFA
Der European Media Freedom Act (Verordnung (EU) 2024/1083; in Kraft 07.05.2024, Anwendung großteils ab 08.08.2025) sichert redaktionelle Unabhängigkeit (Art. 4), Medieneigentums-Transparenz (Art. 6), transparente staatliche Werbung und Medienkonzentrationskontrolle (Art. 21/22) und schafft das European Board for Media Services. Er macht keine eigenen KI-Kennzeichnungsvorgaben. Zur Redaktions-Ausnahme des AI Act besteht konzeptionelle Nähe über den Begriff „redaktionelle Verantwortung", aber kein belegbarer expliziter Rechtsverweis zwischen beiden Verordnungen (als konzeptionelle, nicht rechtliche Kopplung markiert).
Restunsicherheiten (vor Sparring verifizieren)
- Exaktes OJ-Datum des Digital Omnibus: Stand 02.07.2026 beschlossen, aber noch nicht veröffentlicht.
- C2PA im finalen Code-of-Practice-Text: die Technologieneutralität des AI Act ist sicher; die namentliche Nennung von C2PA als Beispiel stammt aus dem Entwurfsstand/ Sekundärquelle und ist am finalen Text gegenzulesen.
- EMFA-Erwägungsgründe nicht einzeln im Volltext durchgeprüft; die Kernaussage „keine eigenen KI-Kennzeichnungspflichten" ist belastbar.
- EUR-Lex-Volltexte waren über das Recherche-Tooling nur eingeschränkt lesbar (JS-Portal); Schlüsselstellen für ein zitierfähiges Artefakt einmal am EUR-Lex-PDF gegenlesen.
Quellen
Primärquellen (EU / EUR-Lex / AI Office):
- Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Volltext: https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1689/oj/eng
- Art. 50 (Transparenzpflichten): https://artificialintelligenceact.eu/article/50/
- Art. 53 (GPAI): https://artificialintelligenceact.eu/article/53/
- Art. 55 (GPAI, systemisches Risiko): https://artificialintelligenceact.eu/article/55/
- Art. 99 (Bußgelder): https://artificialintelligenceact.eu/article/99/
- Art. 113 (Inkrafttreten/Geltung): https://artificialintelligenceact.eu/article/113/
- Recital 133 (techn. Lösungen): https://artificialintelligenceact.eu/recital/133/
- Recital 134 (redaktionelle Verantwortung): https://artificialintelligenceact.eu/recital/134/
- Recital 137 (Transparenz ≠ Rechtmäßigkeit): https://artificialintelligenceact.eu/recital/137/
- EU-Kommission, Regulatory framework AI: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai
- Code of Practice on Transparency of AI-generated Content (10.06.2026): https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/code-practice-ai-generated-content
- Guidelines for providers of GPAI models: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/guidelines-gpai-providers
- Rat der EU, Digital Omnibus, final green light (29.06.2026): https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/06/29/artificial-intelligence-council-gives-final-green-light-to-simplify-and-streamline-rules/
- Rat der EU, Digital Omnibus, politische Einigung (07.05.2026): https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/05/07/artificial-intelligence-council-and-parliament-agree-to-simplify-and-streamline-rules/
- EMFA, Verordnung (EU) 2024/1083: https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1083/oj/eng
Sekundärquellen (Analysen, als solche markiert):
- Gibson Dunn, EU AI Act Omnibus Agreement: https://www.gibsondunn.com/eu-ai-act-omnibus-agreement-postponed-high-risk-deadlines-and-other-key-changes/
- William Fry, Omnibus Deal (Watermarking-Kompromiss): https://www.williamfry.com/knowledge/eu-ai-act-omnibus-deal-reached-postponed-deadlines-watermarking-compromise-and-the-nudificiation-prohibition/
- Global Policy Watch, Draft Guidelines on AI Transparency (enge Auslegung der Redaktions-Ausnahme): https://www.globalpolicywatch.com/2026/05/10-takeaways-european-commission-draft-guidelines-on-ai-transparency-under-the-eu-ai-act/
- C2PA Viewer, EU AI Act and C2PA: What Article 50 Requires, https://c2paviewer.com/articles/eu-ai-act-content-credentials
- Taylor Wessing, The European Media Freedom Act: https://www.taylorwessing.com/en/interface/2024/media-update-2024/the-european-media-freedom-act